Risiken der Zuckersteuer

Interview mit wafg-Hauptgeschäftsführer Dr. Detlef Groß

Zuckersteuer in Deutschland: wafg warnt vor höheren Preisen und Risiken für den Mittelstand

Erstveröffentlichung: 09.10.2026

Interview mit Detlef Groß, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (wafg)

Die geplante Steuer auf zuckerhaltige Getränke könnte nach Einschätzung der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke zu höheren Verbraucherpreisen, erheblicher Bürokratie und hohen Umstellungskosten führen. Die Folgen würden Verbraucher, Beschäftigte, Unternehmen und der Wirtschaftsstandort Deutschland tragen. 

Die wafg lehnt eine solche Steuer grundsätzlich ab. wafg-Hauptgeschäftsführer Dr. Detlef Groß erläutert mögliche Auswirkungen und fordert eine belastbare Folgenabschätzung sowie einen realistischen Zeitplan.

Die offizielle Stellungnahme der wafg und ihre Forderungen an die Politik finden sie hier.

Herr Groß, wie bewerten Sie den zuletzt öffentlich gewordenen Gesetzesentwurf zur Zuckersteuer vom 5. Oktober 2026?

Detlef Groß

Wir halten eine Zuckersteuer weiterhin nicht für das richtige Instrument, um die gesundheitspolitischen Ziele zu erreichen. Der vorliegende Entwurf verschärft unsere Bedenken: Die Pläne sind ein Belastungspaket aus höheren Verbraucherpreisen und neuer Bürokratie.

Unternehmen müssten ihre Steuer-, IT-, Abrechnungs- und Logistikprozesse auf eine völlig neue Verbrauchsteuer umstellen. Vermutlich werden sogar teure bauliche Maßnahmen notwendig, um die Zollvorgaben zu erfüllen. Wir rechnen auch bei mittelständischen und kleineren Unternehmen von Kosten in bis zu sechsstelliger Höhe.

Gleichzeitig ist die Einführung zum 1. Juli 2027 völlig unrealistisch. Ein solches Hauruck-Verfahren kann keine guten Ergebnisse bringen.

Was bedeutet die Zuckersteuer für die Verbraucher?

Detlef Groß

Die vorgesehenen Steuersätze werden sich in deutlich höheren Verbraucherpreisen niederschlagen. Bei einem Kasten Limonade oder Cola kann die zusätzliche Belastung mehr als fünf Euro betragen.

Diese Zusatzkosten können Unternehmen nicht vollständig auffangen. Die Kosten werden zumindest teilweise bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen.

Die Steuer soll den Zuckerkonsum senken. Warum lehnt die wafg eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke ab?

Detlef Groß

Abgesehen davon, dass sie das falsche Instrument ist: Eine Zuckersteuer ist gar nicht nötig. Die Branche hatte für den Zeitraum von 2015 bis 2025 in einer freiwilligen Selbstverpflichtung eine Reduktion des Kalorien- beziehungsweise Zuckergehalts von 15 Prozent zugesagt – und die Unternehmen haben mehr als 20 Prozent Reduktion geliefert.

Der jetzt bekannt gewordene Entwurf lässt dagegen vor allem ein Einnahmeinteresse erkennen: Das Bundesfinanzministerium rechnet mit rund 1,15 Milliarden Euro pro Jahr, die FinanzKommission Gesundheit hatte hier lediglich 450 Millionen Euro eingeplant.

Wenn es tatsächlich um Gesundheit geht, muss die Politik erklären, warum der Entwurf auf deutlich höhere Steuereinnahmen ausgerichtet ist.

Was kritisieren Sie an den vorgesehenen Steuersätzen?

Detlef Groß

Das Bundesfinanzministerium geht ohne jegliche Begründung weit über den Vorschlag der FinanzKommission Gesundheit hinaus.

Die Kommission hatte zwei Steuerstufen empfohlen, der Entwurf des Bundesfinanzministeriums sieht nun drei Stufen mit einem Spitzensatz von 38 Cent pro Liter vor. Der höchste Steuersatz muss entfallen.

Inwieweit könnte die Zuckersteuer mehr Bürokratie verursachen?

Detlef Groß

Unternehmen müssten ihre Steuer-, IT-, Abrechnungs- und Logistikprozesse grundlegend anpassen. Gleichzeitig soll offenbar ein System mit Zuckersteuerlagern eingeführt werden, ohne dass es dazu bislang einen fachlichen Austausch mit der betroffenen Wirtschaft gab.

Das ist unverhältnismäßig, zumal es bürokratieärmere Alternativen gibt. Dies zeigt der Blick in andere Länder. Und es bindet Mittel, die für Investitionen, Innovation und Beschäftigung fehlen. Der Koalitionsvertrag sieht Bürokratieabbau vor, keinen Bürokratieaufbau.

Warum hält die wafg einen Start zum 1. Juli 2027 für unrealistisch?

Detlef Groß

Für eine völlig neue Steuer müssen zahlreiche betriebliche Prozesse umgestellt werden. Das geht nicht per Knopfdruck, dafür braucht es einen verlässlichen Vorlauf.

Aus guten Gründen hatte selbst die FinanzKommission Gesundheit eine Übergangsfrist von mindestens einem Jahr vorgesehen. Wenn die Steuer kommt, brauchen die Unternehmen eine angemessene Übergangszeit. Diese kann erst beginnen, wenn die endgültigen Regeln feststehen.

Was fordert die wafg von der Politik?

Detlef Groß

Erstens fordern wir eine realistische Übergangsfrist von mindestens einem Jahr.

Zweitens muss der höchste Steuersatz entfallen.

Drittens braucht es ein verhältnismäßiges und bürokratiearmes Modell zur Erhebung der Steuer.

Viertens benötigt die Wirtschaft eine belastbare Folgenabschätzung und den Nachweis, dass diese zusätzlichen Belastungen durch einen entsprechenden gesundheitspolitischen Nutzen gerechtfertigt sind. Die realen Auswirkungen auf Verbraucher, Beschäftigte, Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Deutschland müssen dabei gleichermaßen berücksichtigt werden.

Und fünftens muss die betroffene Wirtschaft bei den praktischen Fragen der Umsetzung endlich einbezogen werden. Es ist absurd und spricht für sich, wenn das Bundesfinanzministerium sich selbst dafür lobt, dass man nicht mit den betroffenen Wirtschaftskreisen spricht.